Autor Thema: Zur Lösung der Weltwirtschafts- und Klimakrise  (Gelesen 46979 mal)

Mumken

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Re:Zur Lösung der Weltwirtschafts- und Klimakrise
« Antwort #30 am: 04. Juni 2012, 22:20:22 »
.......
deine Fragen lauten also: Nach welchem Maßstab ist der arme Schlucker "Karl Hans Albrecht" an den Staatsschulden zu beteiligen? Welches Vermögen bleibt ihm nach der Enteignung übrig?
......

Hallo Halil,

Deine Antwort musste ich einige Male durchlesen bis ich die Zahlen richtig begriffen habe. Bei so vielen Nullen kann das etwas schwierig sein. Deinem Berechnungsmaßstab nach müsste Karl Hans Albrecht von seinem Vermögen in Höhe von 17,2 Milliarden € =17.200 Millionen € 17.195,5 Millionen € abgeben und behält "nur noch" 4,55 Millionen €. 

Umgerechnet in Prozente müsste er von seinem Vermögen "99,94 %" an den Staat abgeben. >:(

Worin unterscheidet sich Deine Vision einer künftigen Gesellschaft von den bisherigen, als sogenannten "real existierenden sozialistischen Systemen" bezeichneten, Gesellschaftsformen? Deren Überlebensfähigkeit hat sich als relativ kurzfristig gezeigt und auch keine nennenswerten Vorteile für die Menschen in diesen Systemen gebracht, sondern war eher durch Stagnation gekennzeichnet.

Beste Grüße aus der Eifel

Rudi

Halil

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Re:Zur Lösung der Weltwirtschafts- und Klimakrise
« Antwort #31 am: 05. Juni 2012, 08:24:16 »
Hallo HannsGschaft,

Zitat
Diese Milliarden des Herrn Albrecht bestehen ja nicht aus Bargeld, sondern überwiegend in Form von Immobilien, Betriebseinrichtungen und Waren. Wenn ich jetzt davon ausgehe, daß er die 5 Millionen die ihm am Ende bleiben auf seinem Bankkonto liegen hat, müßte er also seinen gesamten Betrieb dem Staat übereignen. Wer hätte nach so einer Aktion noch Interesse eine Firma zu gründen?

Die Antwort auf deine Frage steht oben im Beitrag: Antworten #23 am: 01. Juni 2012, 09:08:48. Diese Frage war ja der Ausgangspunkt der letzten Diskussionsbeiträge.

Gruß, Halil

Halil

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Re:Zur Lösung der Weltwirtschafts- und Klimakrise
« Antwort #32 am: 05. Juni 2012, 10:13:36 »
Hallo Mumken,

Zitat
Worin unterscheidet sich Deine Vision einer künftigen Gesellschaft von den bisherigen, als sogenannten "real existierenden sozialistischen Systemen" bezeichneten, Gesellschaftsformen? Deren Überlebensfähigkeit hat sich als relativ kurzfristig gezeigt und auch keine nennenswerten Vorteile für die Menschen in diesen Systemen gebracht, sondern war eher durch Stagnation gekennzeichnet.

Meine Vision einer künftigen Gesellschaft unterscheidet sich von den „real existierenden sozialistischen Systemen“ in folgenden Punkten:

1. Zur Verstaatlichung der Produktionsmittel berufen sich die real existierenden sozialistischen Systeme auf irgendeine Version der marxistischen Ideologie, die sich durch eine Revolution durchgesetzt hat. Ich aber berufe mich auf die Beschlüsse eines Weltparlaments, das sich nach Gerechtigkeitsmaßstäben konstituiert hat und die globale und historische Souveränität der Weltvölker vertritt. Es liegt in der freien Entscheidung des Weltparlaments, zur weltweiten Aufhebung der Staatsschulden meinen Vorschlag (= meine Vision einer künftigen Gesellschaft) anzunehmen oder abzulehnen. Wenn es annimmt, dann nur deshalb, weil das Weltparlament von der Weltverfassung her verpflichtet ist, „die Höhe der Enteignung bzw. der Entschädigung unter gerechter Abwägung der globalen und historischen Ursachen der Schadens- und Schuldenentstehung zu bestimmen.“

2. Die real existierenden sozialistischen Systeme gehen bei der Höhe der Enteignung ideologisch (willkürlich) vor und verstaatlichen alle in Privathand befindlichen Produktionsmittel. Ich aber zeige, dass sich die Staatsschulden und das Privatvermögen je nach der Höhe des Vermögens historisch gegenseitig bedingt haben und deshalb ein proportional zum Vermögen steigender Steuersatz anzuwenden ist. (Für die erste Million Vermögen wird 50.000 € Steuern gezahlt, für die zehnte Million 1.000.000 € !)

3. Die real existierenden sozialistischen Systeme haben sich nicht überlebensfähig erwiesen, weil sich die breite Masse der Produzenten mit den in Staatshand befindlichen Produktionsmitteln gefühlsmäßig nicht identifizieren konnte und deshalb das Wirtschaftssystem vom Antrieb her in Stagnation und Untergang geführt wurde. Bei meiner Vision der künftigen Gesellschaft bleiben aber die Produktionsmittel nach der weltweiten Umschuldung nicht in der Hand des Staates. Sie werden in den Privatbesitz zurückgeführt, d. h. die unmittelbaren Produzenten müssen ihren Arbeitsplatz aufkaufen und ihre Betriebe selbst führen. Da die makroökonomischen Zeiger in so einer künftigen Gesellschaft nicht auf Wachstum und Gewinn eingestellt sein werden, sehe ich reale Chancen, dass sich diese Gesellschaft nachhaltig etablieren kann.

Viele Grüße aus Istanbul

Halil

Mumken

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Re:Zur Lösung der Weltwirtschafts- und Klimakrise
« Antwort #33 am: 06. Juni 2012, 11:11:45 »
Hallo Halil,

erst mal vielen Dank für die ausführliche Darstellung in Deinen letzten Beiträgen.
unter Punkt 3 schreibst Du

.........
3. Die real existierenden sozialistischen Systeme haben sich nicht überlebensfähig erwiesen, weil sich die breite Masse der Produzenten mit den in Staatshand befindlichen Produktionsmitteln gefühlsmäßig nicht identifizieren konnte und deshalb das Wirtschaftssystem vom Antrieb her in Stagnation und Untergang geführt wurde.
.........

Dies ist sicher einer der wichtigsten Gründe für die fehlende Überlebensfähigkeit der staatlichen Betriebe gewesen. Im "real existierenden Sozialismus" galt folgender  Spruch der "Werktätigen":

"Der Staat tut so, als ob er uns bezahlen würde und wir tun so, als ob wir für den Staat arbeiten würden"

Weiter schreibst Du:

Zitat
.........
Bei meiner Vision der künftigen Gesellschaft bleiben aber die Produktionsmittel nach der weltweiten Umschuldung nicht in der Hand des Staates. Sie werden in den Privatbesitz zurückgeführt, d. h. die unmittelbaren Produzenten müssen ihren Arbeitsplatz aufkaufen und ihre Betriebe selbst führen. Da die makroökonomischen Zeiger in so einer künftigen Gesellschaft nicht auf Wachstum und Gewinn eingestellt sein werden, sehe ich reale Chancen, dass sich diese Gesellschaft nachhaltig etablieren kann.
.........

Wenn es ohne Wachstum und Gewinn funktionieren soll, müsste auch unser Geldsystem komplett anders organisiert werden. Unserer jetziges System funktioniert ja nur bei einem immerwährenden Wachstum und dann auch nur bis zur nächsten großen Krise mit einem folgenden Neuanfang.
Durch wen würde denn die "unsichtbare Hand" unserer Marktwirtschaft ersetzt werden, welche heute das Marktgeschehen dominiert?
Müsste dann nicht wieder eine Planwirtschaft organisiert werden, welche alle Ressourcen verteilt?

Herzliche Grüße aus der Eifel von

Rudi

Halil

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Re:Zur Lösung der Weltwirtschafts- und Klimakrise
« Antwort #34 am: 06. Juni 2012, 14:36:33 »
Hallo Mumken,

Zitat
Wenn es ohne Wachstum und Gewinn funktionieren soll, müsste auch unser Geldsystem komplett anders organisiert werden. Unserer jetziges System funktioniert ja nur bei einem immerwährenden Wachstum und dann auch nur bis zur nächsten großen Krise mit einem folgenden Neuanfang.
Durch wen würde denn die "unsichtbare Hand" unserer Marktwirtschaft ersetzt werden, welche heute das Marktgeschehen dominiert?
Müsste dann nicht wieder eine Planwirtschaft organisiert werden, welche alle Ressourcen verteilt?


Meine ökonomische Analyse läuft darauf hinaus, zu zeigen, dass Wachstum und Gewinn in Zukunft nicht mehr möglich sein werden. An dieser historischen Tatsache kann nicht gerüttelt werden. Das kapitalistische System vernichtet seine Antriebskräfte, die in den letzten 400 Jahren sein Hauptmerkmal waren. Die gegenwärtige Schuldenkrise ist ein unmittelbarer Ausdruck dieses Niedergangs und wird jenseits vom globalen Staatsbankrott in einem Wirtschaftssystem enden, das vom Negativwachstum und von schrumpfenden Nettoinvestitionen ausgeht.

Im neuen Wirtschaftssystem wird sich die unsichtbare Hand unserer Marktwirtschaft immer noch durch das Zusammenspiel von Nachfrage und Angebot durchsetzen und es wird kein Raum da sein für eine Planwirtschaft, die die Ressourcen verteilt. Das Einzige, was sich wirtschaftlich ändern wird, ist die Aufhebung des Großvermögens zwecks Tilgung der Staatsschulden. An die Stelle der Großaktionäre werden die direkten Produzenten, die „Kleinaktionäre der Betriebe“, treten, die nicht nur die Wirtschaft, sondern auch die Klimapolitik entscheidend prägen werden. (Siehe mein Thesenpapier unter: http://www.um-bruch.net/uforum/index.php?topic=204.0 )

Viele Grüße aus Istanbul

Halil
« Letzte Änderung: 07. Juni 2012, 14:35:45 von Halil »

Mumken

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Re: Zur Lösung der Weltwirtschafts- und Klimakrise
« Antwort #35 am: 30. Juli 2012, 14:12:43 »
Hallo Halil,

zwischenzeitlich habe ich mir Dein Buch als PDF beim Shaker-Verlag besorgt.


Ich habe vergessen, darauf aufmerksam zu machen, dass ich jederzeit zur Verfügung stehe, über den Inhalt meines Buches "Lösung der Klimakrise im Rahmen der Zusammenbruchskrise des Kapitalismus" zu diskutieren. Wenn Interesse besteht, kann das unter dieser Themenüberschrift geschehen.

In diesem Zusammenhang möchte ich darauf hinweisen, das das E-Buch auf der Verlagsseite  (http://www.shaker.de/shop/978-3-8322-9943-9) zu einem verbilligten Preis (9,94 Euro) online erhältlich ist.

Halil Güvenis


Auf Dein Angebot komme ich gerne zurück, da mir einfach noch einige Kenntnisse der Volkswirtschaftslehre fehlen um den Inhalt Deines Buches auch zu verstehen. Gleich auf Seite 9 beginnst Du mit einer theoretischen Abhandlung über die "volkswirtschaftliche Gesamtrechnung" (VGR).



Als Hinweis hast Du dazu Wikipedia angegeben:

http://de.wikipedia.org/wiki/Volkswirtschaftliche_Gesamtrechnung

Welcher Unterschied besteht jetzt eigentlich zwischen einer geschlossenen Volkswirtschaft, in welcher "Sparen = Investitionen" sein soll und der von Dir angeführten offenen Volkswirtschaft?

Bei der Formel für das Sparen habe ich noch Verständnisschwierigkeiten, da mir hier wohl einige volkswirtschaftliche Grundbegriffe fehlen, welche sich mir über den angegebenen Wikipedia-Beitrag auch noch nicht erschließen. Kannst Du mir hier etwas helfen?

Viele Grüße nach Istanbul,

Rudi

Halil

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Re: Zur Lösung der Weltwirtschafts- und Klimakrise
« Antwort #36 am: 31. Juli 2012, 12:06:10 »
Hallo Mumken,

Zitat
Welcher Unterschied besteht jetzt eigentlich zwischen einer geschlossenen Volkswirtschaft, in welcher "Sparen = Investitionen" sein soll und der von Dir angeführten offenen Volkswirtschaft?

Wenn ich in der Gleichung S = Ibr – D – FSA den Finanzierungssaldo des Auslands FSA gleich null setze, erhalte ich S = Ibr – D , d. h. eine geschlossene Volkswirtschaft, bei der "Sparen = Nettoinvestitionen" gilt. Setze ich aber den Finanzierungssaldo des Auslands FSA ungleich null, so erhalte ich die vollständige Gleichung, d. h. eine offene Volkswirtschaft, bei der "Sparen = Nettoinvestitionen – Finanzierungssaldo des Auslands" gilt. 

Zitat
Bei der Formel für das Sparen habe ich noch Verständnisschwierigkeiten, da mir hier wohl einige volkswirtschaftliche Grundbegriffe fehlen, welche sich mir über den angegebenen Wikipedia-Beitrag auch noch nicht erschließen. Kannst Du mir hier etwas helfen?

Um die Gleichung S = Ibr – D – FSA herzuleiten, betrachte ich im Wikipedia-Beitrag das Bruttoinlandsprodukt 1. von der Verwendungs-, 2. von der Verteilungsseite her:

1. Bruttoinlandsprodukt = Konsum (Privat + Staat) + Bruttoinvestitionen (Privat + Staat) + Außenbeitrag (Exporte – Importe).

2. Bruttoinlandsprodukt = Abschreibungen + Nettonationaleinkommen – Saldo der Primäreinkommen aus der übrigen Welt.

Jetzt setze ich in beiden Gleichungen das Bruttoinlandsprodukt gleich:

Abschreibungen + Nettonationaleinkommen – Saldo der Primäreinkommen aus der übrigen Welt = Konsum + Bruttoinvestitionen + Außenbeitrag.

Ich bringe jetzt in dieser Gleichung ‚Nettonationaleinkommen und Konsum’ auf die linke Seite vom Gleichheitszeichen, während alles Andere rechts vom Gleichheitszeichen steht: 

Nettonationaleinkommen – Konsum =
Bruttoinvestitionen – Abschreibungen + Außenbeitrag + Saldo der Primäreinkommen aus der übrigen Welt.

Wenn man

Sparen  = Nettonationaleinkommen – Konsum,

Finanzierungssaldo des Auslands = – Außenbeitrag – Saldo der Primäreinkommen aus der übrigen Welt

setzt, dann erhält man die Gleichung

Sparen = Bruttoinvestitionen – Abschreibungen – Finanzierungssaldo des Auslands,

was zu beweisen war!

Herzliche Grüße aus dem schwülheißen Istanbul

Halil Güvenis


PS: Zur leichteren Handhabung der pdf-Datei mit hochkant gestellten Diagrammen empfehle ich folgendes: Kopiere die pdf-Datei und drehe die kopierte Datei mit Hife des pdf-Betrachters um 90 Grad im Uhrzeigersinn. Während du in der ersten Datei den Text liest, kannst du in der zweiten Datei viel bequemer mit den zitierten Diagrammen umgehen!
« Letzte Änderung: 31. Juli 2012, 13:00:28 von Halil »

Mumken

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Re: Zur Lösung der Weltwirtschafts- und Klimakrise
« Antwort #37 am: 01. August 2012, 22:31:03 »
Hallo Halil,

in meinem Beitrag fragte ich:

.............
Welcher Unterschied besteht jetzt eigentlich zwischen einer geschlossenen Volkswirtschaft, in welcher "Sparen = Investitionen" sein soll und der von Dir angeführten offenen Volkswirtschaft?
 ............


Bereits bei der Aussage  "in welcher "Sparen = Investitionen" sein soll" zeigt sich meine Skepsis gegenüber festgefügten Dogmas der Volkswirtschaftslehre (VWL). Um Deinen Ausführungen auch nur annähernd folgen zu können habe ich mir ein Lehrbuch über "Grundlagen und Probleme der Volkswirtschaft" (Schäffer-Poeschel; Auflage:19; Ulrich Baßeler, Jürgen Heinrich, Burkhard Utecht) in der Bücherei ausgeliehen.
Viele Foren wie auch ernsthafte Wissenschaftlern werfen der VWL vor, dass das Geldsystem nur als ein Schleier über dem Marktgeschehen wahrgenommen und damit eine Neutralität des Geldes suggeriert wird. Auch ich bin der Meinung, dass der Stellenwert des Geldes und damit auch die Stellung der Finanzindustrie im Wirtschaftssystem von der VWL bisher nur fragmentarisch berücksichtigt wurde.

In dem von mir ausgeliehen Buch wird die von Dir aufgeführte Grundthese, "Sparen = Investitionen" ebenfalls gelehrt und auch detailliert erläutert. Nach 493 Seiten heißt es dann unter Punkt

"16.1.2 Neue Entwicklungen im Finanzbereich"

"Der Prozess der Kreditvermittlung und der Abwicktung des Zahlungsverkehrs wurde und wird zunehmend durch zwei Innovationen im Finanzbereich überlagert:

  • durch die zunehmende Möglichkeit der Geldschöpfung und der Kreditverwertung durch Banken und
  • durch die damit verbundene Abkopplung des Finanzbereiches von der Realwirtschaft.
Das Geld als bloßes Mittel des Zahlungsverkehrs war lange Zeit ein so genanntes stoffwertiges Geld (vgt. Kapitel 1.6.3.2), vor allem Gold und Silber, und es bestand für die Banknoten die Deckungs- bzw. die Einlösungspflicht in Gold bzw. Silber. Die Geldmenge war damit an den Bestand von Gold gebunden, und Banken konnten Geld nicht in großem Umfang produzieren.
Im Laufe der Entwicklung von Wirtschaftsgesellschaften ist zunächst die Deckungspflicht und nachfolgend die Einlösungspflicht aufgegeben worden, zunächst im nationalen Bereich etwa Ende des Ersten Weltkrieges und im internationalen Bereich anfangs der 197Oer-Jahre.
Seitdem können die Banken nicht nur bei ihnen angelegte Sparbeträge verleihen, sondern sie können selbst Geld in großem Umfang schaffen. Banken schaffen Geld, das so genannte Buchgeld, einfach durch die Gewährung von Krediten (vgl. Kapitel 17). Und diese Möglichkeit der Kreditgewährung ist durch die Möglichkeit der Verbriefung und des Verkaufs der Kredite auf dem Finanzmarkt (vgL. Kapitel 16.2.3) noch einmal deutlich erweitert worden. Damit wird die Investition in Realkapital in gewisser Weise vom Prozess des Sparens entkoppelt und damit wird die Möglichkeit der Realkapitalbildung beschleunigt. Charakteristisch für die Zeit bis in die 1980er-Jahre blieb aber, dass die Kredite Investitionen in Realkapital finanziert haben und dass der Finanzbereich mit der Sachgüter produzierenden Realwirtschaft eng verbunden blieb.
........"


Im Buch wird eingehend eine Theorie "Sparen/Investitionen" (Abkürzung: SI) untermauert um dann auf Seite 493 zu erkennen, dass diese nur bis in die "1980er-Jahre" so Bestand hatte. Anzumerken ist, dass die vorliegende 19. Auflage nach Auffassung der Autoren in 2009 "gründlich überarbeitet und aktualisiert" wurde. Welchen Nutzen hat eine Theorie über das Verhältnis von "Sparen" und "Investitionen", wenn im Nachgang die Basis dieser Theorie von deren Vertretern selbst in Frage gestellt wird? Ist diese SI-Theorie dann nur noch eine Pflichtkür für angehende Wirtschaftswissenschaftler an Schulen und Universitäten?

Ich wünschte mir, dass die Studenten sich mit realistischeren Thesen beschäftigen könnten. Es wird erwähnt, dass seit 1970 Banken Geld in großem Umfang schaffen können. Auch vor 1970 haben die Geschäftsbanken bereits Geld geschöpft. Seit Einrichtung der ersten Banken wurde von diesen das Geschäft der Geldschöpfung beherrscht und auch durchgeführt. Im Wiki-Beitrag "Eigengeschäfte der Banken" wird dieser Vorgang an einem einfachen Beispiel erläutert. Würden Banken kein Geld schöpfen, sondern nur von Kunden angelegte Ersparnisse zur Kreditvergabe mit entsprechender Sicherheit verwenden, wäre der Zusammenbruch einer Bank fast unmöglich. Sie müssten folglich auch nicht gerettet werden, wie dies zur Zeit ja auch tatkräftig in großem Maßstab mit Steuergeldern erfolgt. Meines Erachtens wird damit der SI-Theorie, als Grundpfeiler unserer Wirtschaftsbetrachtungen, das Fundament entzogen.

Ich möchte mit den o.g. Aussagen Deine Arbeit keinesfalls angreifen, da Du in Deinem Buch ja bewiesen hast, dass auch auf der Lehrmeinung der Mainstream-Volkswirtschaftler aufbauend unser jetziges System kollabieren muss.

Auch viele andere Anzeichen deuten an, dass die Halbwertszeit unseres jetzigen System bei weitem überschritten ist.

Interessanter werden wohl die Zukunftsszenarien sein. Soweit bin ich in Deinem Buch jedoch noch nicht vorgedrungen.

Soweit für heute mal,

Rudi

Überarbeitung und Ergänzung des Textes am 2.8.2012
« Letzte Änderung: 02. August 2012, 06:41:39 von Mumken »

Halil

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Re: Zur Lösung der Weltwirtschafts- und Klimakrise
« Antwort #38 am: 02. August 2012, 12:33:54 »
Hallo Mumken,

deine „Kritik“ betrifft nicht direkt meine Arbeit. Ich untersuche auf der Grundlage der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen das Langzeitverhalten der Wirtschaftsentwicklung in BRD, Japan und USA und nehme die von der Statistik gegebenen Zahlen so, wie sie sind. Ich glaube, deine „Kritik“ betrifft vielmehr die Grundlagen dieser statistischen Erhebung und diese Diskussion müsste an der betreffenden Stelle geführt werden. – Du müsstest mir im Gesamtzusammenhang meiner Analyse zeigen können, dass der von dir kritisierte Punkt bei meinem Vorgehen zu schwerwiegenden Fehlern führt!

Viele Grüße

Halil

Mumken

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Re: Zur Lösung der Weltwirtschafts- und Klimakrise
« Antwort #39 am: 03. August 2012, 09:48:33 »
Hallo Mumken,

deine „Kritik“ betrifft nicht direkt meine Arbeit.
..........
Ich glaube, deine „Kritik“ betrifft vielmehr die Grundlagen dieser statistischen Erhebung und diese Diskussion müsste an der betreffenden Stelle geführt werden.
.........

Meine Skepsis, von Dir hier als "Kritik" bezeichnet, bezieht sich nur indirekt auf Deine Arbeit. Probleme habe ich mit dem Dogma der Volkswirtschaftslehre, dass

"Sparen = Investitionen"

sein soll. Die Hintergründe zu meinem Vorbehalt wollte ich mit meinem Beitrag darstellen. Wie stark die Verselbständigung des Finanzbereiches auch von den Autoren des Buches "Grundlagen und Probleme der Volkswirtschaft" gesehen wird,  zeigt der folgende Auszug:

Abkoppelung des Finanzbereiches von der Realwirtschaft.

Mit der Erfindung neuartiger Finanzprodukte (vgt. Kapitel 1,6.2.3) hat sich der Finanzbereich mittlerweile aber zunehmend von der Realwirtschaft abgekoppelt. Es werden nicht mehr nur reale Produktionszuwächse finanziert, sondern der Finanzbereich investiert auch in bloß monetäre Wertzuwächse. Dies geschieht vor allem durch den spekulativen Kauf von Vermögenswerten, in der Erwartung, dass deren Preise steigen. Beispiele sind der Aktienboom in der »New Economy« bis Ende 2000, der Immobilienboom in den USA bis etwa Ende 2007 oder der Boom der Rohstoffpreise zwischen 2005 und 2008. Charakteristisch ist, dass hier nicht in neue Maschinen und Anlagen investiert wird, sondern dass bloße Bewertungsgewinne entstehen, die in der Regel mit dem Abklingen des Booms, mit dem »Platzen der Spekulationsblase« wieder verschwinden. Damit entsteht eine problematische Form von Finanzkapitalismus, weil einerseits Preise ihre Lenkungsfunktion als langfristige Knappheitsindikatoren verlieren und andererseits Unternehmen ihre Innovationsaktivitäten zunehmend in den real nicht produktiven Finanzbereich verlagern.


Von den Umsätzen her gesehen ist die Finanzwelt nun kein Teilgebiet der Wirtschaftslehre sondern eher umgekehrt. Die gewaltige Geldschöpfung der Geschäftsbanken, speziell für reine Finanzprodukte, entzieht damit der Formel ""Sparen = Investitionen" die Grundlage, wie bereits im letzten Beitrag erwähnt.

Welche Auswirkungen dass auf Deine Arbeit haben könnte, kann ich nicht beurteilen. Hierzu fehlen mir definitiv Kenntnisse der "Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung" (VGR) zur Bewertung.

Beste Grüße

Rudi

« Letzte Änderung: 03. August 2012, 18:32:30 von Mumken »

Halil

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Re: Zur Lösung der Weltwirtschafts- und Klimakrise
« Antwort #40 am: 03. August 2012, 14:32:01 »
Hallo Mumken,

Zitat
Die gewaltige Geldschöpfung der Geschäftsbanken, speziell für reine Finanzprodukte, entzieht damit der Formel ""Sparen = Investitionen" die Grundlage, wie bereits im letzten Beitrag erwähnt.


Ich glaube, das von dir genannte Problem entsteht deshalb, weil vom Standpunkt der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen her die Größen ‚Sparen und Investitionen’ Stromgrößen sind und natürlich die gewaltige Geldschöpfung der Geschäftsbanken, die reinen Finanzprodukte nicht enthalten. Die von dir gesuchte Größe ist die Zustandsgröße ‚das Nettoanlagevermögen zu Verkaufspreisen’, das die Finanzzuschläge registriert. Für die USA wird dort unter der Rubrik Nominal holding gains or losses (-) folgende BEA-Statistik aufgeführt:

Nominal holding gains or losses (-) Mrd. US-Dollar

 2001    2002       2003       2004       2005       2006       2007    2008        2009    2010

837,0   814,2   1.037,8   2.591,0   2.761,9   2.150,4   1.005,1   842,5   -1.288,2   442,2


Die oben stehenden Beträge wurden in den USA praktisch aus der Luft geschöpft (ausgenommen das Jahr 2009, wo in den Sand gesetzt wurde). Und all diese Preisbewegungen wurden in meiner Arbeit als Nettoanlagevermögen zu Verkaufspreisen berücksichtigt und bilden das Rückgrad meiner Argumentation.

Viele Grüße

Halil


Mumken

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Re: Zur Lösung der Weltwirtschafts- und Klimakrise
« Antwort #41 am: 13. August 2012, 08:25:28 »
Hallo Halil,

in einem Beitrag der Nachdenkseiten "Attac legt Konzept für europaweit koordinierte Vermögensabgabe vor" wird auf einige Umverteilungsmechanismen eingegangen, welche auch vom Grundsatz her in Deinem Buch so beschrieben sind.
Es geht sowohl um eine einmalige Vermögensabgabe in erheblicher Höhe wie auch um eine dauerhafte Reduzierung der Vermögensanhäufungen in wenigen Händen.

Originalbeitrag von Attac: Für eine europaweit koordinierte Vermögensabgabe

Die Anmerkung auf den Nachdenkseiten von WL (ich nehme an es handelt sich um den Mitherausgeber Wolfgang Lieb) ist zwar nachvollziehbar, jedoch in Bezug auf Attac nicht zutreffend

"Anmerkung WL: Es ist ja verständlich, dass die auf internationaler Ebene agierende NGO attac gleich eine europaweite Vermögensteuer und Vermögensabgabe verlangt. Das erinnert aber fatal an die Taktik der Bundesregierung etwa die Transaktionsteuer oder die Bankenregulierung auf die internationale oder zumindest auf die europäische Ebene und damit auf die lange Bank zu verschieben."

Dienen Ausweitungen solcher Forderungen der Bundesregierung eindeutig dazu, ein Zustandekommen definitiv zu "verhindern" kann man dies der Nichtregierungsorganisation Attac sicher nicht unterstellen.

Auf die elegante Möglichkeit unser Parteien und auch der Regierung ihre tatsächlichen Motivation zu verstecken hatte ich bereits in einem Beitrag zu "Komplexität; Noch ein kleiner Nachtrag zum SWR1 Interview mit Prof. Karl Jurka." higewiesen.
Zitat
"Ich bin für die Finanztransaktionssteuer, allerdings für eine einheitliche Regelung, nicht nur in Deutschland"


Ob diese Forderungen wie ein Strohfeuer irgendwann wieder verschwinden oder sich aber zu einer ernstzunehmenden Gefahr für unsere Geldeliten entwickeln, wird die Zukunft zeigen.

Viele Grüße,

Rudi

Halil

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Re: Zur Lösung der Weltwirtschafts- und Klimakrise
« Antwort #42 am: 13. August 2012, 11:18:05 »
Hallo Mumken,

das Attac-Thesenpapier  Für eine europaweit koordinierte Vermögensabgabe
(http://www.attac.de/fileadmin/user_upload/Kampagnen/umverteilen/Attac-Konzeptpapier_Umverteilen.pdf)
ist grundsätzlicher Art. Um darauf eingehen zu können, bräuchte ich mehr Zeit, als mir im Moment zur Verfügung steht. Ich bin gerade beim Verreisen und möchte deshalb die Antwort auf dieses Thesenpapier um etwa vier Wochen verschieben.

Viele Grüße aus Istanbul

Halil

Mumken

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Re: Zur Lösung der Weltwirtschafts- und Klimakrise
« Antwort #43 am: 13. August 2012, 20:26:55 »
Hallo Halil

.......
Ich bin gerade beim Verreisen und möchte deshalb die Antwort auf dieses Thesenpapier um etwa vier Wochen verschieben.

Viele Grüße aus Istanbul

Halil

Dieses Thema läuft uns ganz bestimmt nicht davon. War auch nicht so gemeint, dass Du hierauf unbedingt antworten solltest. Es verdichten sich jedoch einige, der auch von Dir vorgetragenen Ideen. Dies finde ich als solches schon bemerkenswert. 

Eine angenehme Reise wünsche ich Dir. :)

Bis in einigen Wochen,

Rudi.

PS:
Vielleicht kannst Du zwischendurch trotzdem mal vorbei schauen. ;)

Halil

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Re: Zur Lösung der Weltwirtschafts- und Klimakrise
« Antwort #44 am: 07. September 2012, 09:57:17 »
Hallo Mumken,

Zitat
Dieses Thema läuft uns ganz bestimmt nicht davon. War auch nicht so gemeint, dass Du hierauf unbedingt antworten solltest. Es verdichten sich jedoch einige, der auch von Dir vorgetragenen Ideen. Dies finde ich als solches schon bemerkenswert.

Das Attac-Konzeptpapier Für eine europaweit koordinierte Vermögensabgabe ist in der Tat ein bemerkenswertes Schriftstück, das dicht an die Lösung des Schuldenproblems herankommt. Es ist äußerst interessant zu beobachten, dass in letzter Zeit immer häufiger neue Thesen in Richtung der Vermögensabgabe geäußert werden. Nach dem globalen Staatsbankrott wird wahrscheinlich dieses Problem endgültig gelöst werden. Du hast aber recht mit deiner Bemerkung, dass ich auf dieses Konzeptpapier nicht unbedingt antworten sollte. Der einzige Punkt, auf den ich hinweisen will, ist, dass sich die Schuldenproblematik weltweit entwickelt hat und deshalb ihre Lösung auf internationaler Plattform, z. B. im Rahmen der UNO, koordiniert werden sollte.

Viele Grüße aus Istanbul

Halil