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Was ist Geld?

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Mumken:
Auf der Suche nach Informationen zur multiplen Giralgeld- bzw. Keditschöpfung wird immer wieder auf Chester A. Phillips und sein Werk "Bank Credit" verwiesen. Auch aktuelle Vorlesungsskripte nehmen noch auf den nach Phillips benannten "Phillipsmultiplikator" Bezug. Vermehrt wird jedoch auch die Ansicht vertreten, dass die Herleitung dieses "Phillipsmultiplikators " falsch sei. Auch die Multiplikatorformel selbst wird in Frage gestellt.

Zu Klärung dieser Gegensätze habe ich mich mit dem Buch von Phillips beschäftigt, einiges übersetzt, bewertet und das Ergebnis auf der Wikiseite
http://www.um-bruch.net/uwiki/index.php/Chester_Arthur_Phillips
dargestellt.
Phillips ging es bei seiner Beweisführung in erster Linie um seine These, dass eine einzelne Bank nicht in der Lage sei, ein Mehrfaches einer Einlage als Darlehen zu gewähren, der Verbund der Banken hingegen sehr wohl. Zur Erläuterung der Einlagen- Darlehensvorgänge im Bankensystem entwickelte er dann Berechnungsformeln, welche von späteren Autoren als "geometrische Reihenentwicklung" erkannt wurden und auch so bis zum heutigen Tage als Vorlesungsstoff Studenten das Leben erschweren. Bei sorgfältiger Betrachtung der, seiner These zugrunde liegenden Faktoren komme ich zu dem Schluss, dass seine Aussage zur eingeschränkten Funktionen der einzelnen Bank falsch ist und seine Herleitung der Multiplikatorformel über mehrfache Zahlungs- Darlehensvorgänge ein reines Fantasiegebilde ist, ohne Bezug zur Realität und ohne Nutzen.

Seine allgemeine Formel   X= c(1-R)/R besagt, dass bei einem Reserve- Einlagenverhältnis R von z.B. 1 zu 10 und einer Bareinzahlung c von $1.000 neue Kredite X in Höhe von $9.000 vergeben werden können. Nur $9.000, da die Bareinzahlung bereits eine Einlage von $1.000 bewirkt. Diese Formel ist richtig jedoch nicht so besonders erkenntnissreich.

Über eine Rückmeldung zu dem Wiki-Beitrag würde ich mich freuen, unabhängig ob zustimmend oder aber Fehler aufzeigend.

Beste Grüße
Rudi

Mumken:
"Can banks individually create money out of nothing? — The theories and the empirical evidence"
http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S1057521914001070
lautet der Titel einer Schrift von Richard A. Werner( Wirtschaftswissenschaftler, in Landau an der Isar geboren), tätig im
Centre for Banking, Finance and Sustainable Development, University of Southampton, United Kingdom

In der Zusammenfassung zu seinem Werk heißt es:
In seinem Werk unterbreitet er den "ersten, auf einer methodischen Sammlung von Daten basierenden Beweis" zur Frage, ob Banken Geld aus dem Nichts schöpfen können.
Ob sein Werk diesem Anspruch gerecht wird, ist noch herauszufinden.
(Anmerkung: Textpassagen aus dem Ursprungswerk sind sehr frei selbst übersetzt worden)

--- Zitat ---In der Einleitung beanstandet er, das die weit verbreiteten volkswirtschaftlichen Modelle und Theorien keine kritischen Eigenschaften unserer Wirtschaft und unseres Finanzsystems beleuchten und besonders bemerkenswert, keine Banken enthalten. Dieses Werk soll zu einem besseren Verständnis von wichtigen Eigenschaften der Banken beitragen und deren geeignete Einbindung in volkswirtschaftliche Modelle erleichtern.
--- Ende Zitat ---


Untersuchungsgegenstand sind drei Theorien.

* Geldschöpfungstheorie der Geschäftsbanken (Credit Creation Theory of Banking) Jede einzelne Bank  schöpft den gesamten Kreditbetrag aus dem Nichts.  Sie ist nicht Vermittler von Kapital, d. h. sie leitet keine Einlagen der Bankkunden und auch kein Zentralbank-Buchgeld weiter.
* Die Teilreserve-Theorie (The Fractional Reserve Theory) Mit dieser Theorie beschreibt Werner die einzigartige Fähigkeit des Bankensystems, im Zusammenwirken von allen Banken des Systems, Geld auf der Basis des Teil-Reservesystems zu schöpfen. Nach dieser Vorstellung kann eine einzelne Bank lediglich Kapital vermitteln, besitzt jedoch die Fähigkeit zur Geldschöpfung nicht.
* Die Kapital-Vermittlungs-Theorie (The Financal Intermediation Theory) Banken können kein Geld schöpfen sondern nur das verleihen, was sie zuvor erhalten haben. Damit verhalten sie sich wie andere Kapitalvermittlungsinstitute, welche keine Banken sind. Die Erwähnung von Banken nach dieser Theorie erübrigt sich deshalb in volkswirtschaftlichen Modellen.
Es folgt eine Aufbereitung von historischen und gegenwärtigen Literaturstellen zu den einzelnen Theorien, welche hier nicht wiederholt werden. Bei Bedarf bitte auf den o. g. Link zugreifen.

Im Abschnitt 3 folgt dann der Lösungsvorschlag für das Theorientrilemma. The Empirical Test

--- Zitat ---Die einfachste Testvorrichtung besteht darin, die interne Rechnungslegung der Bank während des Prozesses der Gewährung eines Bankkredits zu untersuchen. Wenn alle notwendigen Verfahren zur Gewährung eines Bankkredites durchgeführt (beginnend mit der Prüfung des Kreditkunden, Einhaltung der Geldwäsche-Vorschriften bis zur Kreditanalyse, Risikobewertung und Ausarbeitung der einzelnen Vertragsdetails) und beidseitige Unterschriften geleistet wurden, wird das Girokonto des Kreditnehmers um den Darlehensbetrag erhöht. Die entscheidende Frage ist, ob als Voraussetzung für die Buchung der Kreditsumme des Darlehensempfängers auf ihrem Konto die Bank tatsächlich diesen Betrag von einem anderen Konto abzieht, welches zur Verringerung von gleichem Wert in einer anderen Position führt - entweder durch Verringerung des Zentralbankguthabens (wie es die Mindestreserve-Theorie verlangt)  oder andere Mittel (wie es die Finanzintermediation- Theorie verlangt). Stellt sich heraus, dass die Bank in der Lage ist, das Konto des Darlehensempfängers um den Kreditbetrag zu erhöhen, ohne Geld von einem anderen internen oder externen Konto abgehoben zu haben oder ohne das Geld von einer anderen internen oder externen Quelle zu überweisen, würde dies den Anscheinsbeweis begründen, dass die Bank fähig war, das Darlehen aus dem Nichts zu schöpfen. In diesem Fall würde die Geldschöpfungs-Theorie unterstützt und die Theorie, dass die einzelne Bank als Vermittler auftritt, die zuerst Spargeld oder Fonds erhalten muss, bevor sie in der Lage ist, Kredite zu vergeben (sei es in Übereinstimmung mit der Mindestreserve-Theorie oder der Finanzintermediation-Theorie), abgelehnt.

--- Ende Zitat ---


Diese Aufgabenbeschreibung der Untersuchung lässt bereits das gewünschte Ergebnis vermuten. Es werden nur Bilanzzahlen untersucht, welche zu dem Ergebnis führen, dass auch eine einzelne Bank in der Lage ist, Geld aus dem Nichts zu schöpfen. Damit wäre dann die „fraktional reserve theory“ als auch die „financal intermediation theory“ widerlegt.

Bei der Beweisführung, sowie besonders bei den Annahmen zu den zu untersuchenden Theorien, sind Werner m. E. einige eklatante Fehler unterlaufen, welche das Ergebnis seiner Untersuchung in Frage stellen. Auf einzelne Fehler wird nachfolgend eingegangen.

1.)   „Multiple Geldschöpfung“
Werner geht von einer multiplen Geldschöpfung nach Phillips aus. Bereits 1970 führte Friedrich A. Lutz im "Weltwirtschaftlichen Archiv", der "Zeitschrift des Instituts für Weltwirtschaft an der Universität Kiel", Band 104, Seite 3-19, in einen Aufsatz zum Thema "Geldschaffung durch die Banken" den Mangel der multiplen Geldschöpfung nach Phillips auf. Im Wikibeitrag „Multiplikatormodell“ werden die Fehler, basierend auf Phillips Werk dargelegt. Details zu seinem Werk sind unter „Chester Arthur Phillips“ nachzulesen. Jedoch wird noch heute in Vorlesungen an Hochschulen die „multiple Geldschöpfung“ gelehrt.
Werner benutzt nun diese unhaltbare Theorie als Grundlage für seinen Gegenbeweis. Mit dem Wegfall der irrigen Grundlage werden auch Werners Aussagen zur „fraktional reserve theory“ hinfällig.

2.)   „fraktional reserve theory“
Unter der Beschreibung der „fraktional reserve theory“ setzt Werner die Unfähigkeit der einzelnen Bank zur Geschäftsbanken-Buchgeldschöpfung voraus. Diese kann demnach nur als Vermittler tätig werden. Eine, in der neueren Fachliteratur kaum noch anzutreffende Annahme. Wie unter Punkt 1 bereits dargelegt und mit Hilfe der weiterführenden Literaturquellen logisch nachgewiesen, basiert diese Aussage Werners auf einer fehlerhaften Grundannahme. Eine Bank im „fraktional reserve system“ kann sehr wohl Geschäftsbanken-Buchgeld schöpfen, wie dies auch das gesamte Bankensystem kann. Die entsprechenden Grundlagen sind von Werner offensichtlich nicht untersucht, sondern nur ungeprüft aus der älteren Literatur übernommen worden.
 
3.)   „financal intermediation theory“
Werner interpretiert die „financal intermediation theory“ als einfache Annahme und Weitergabe von Geld. Die Geschäftsbank nimmt 100 € entgegen und kann diese 100 € dann weiter verleihen. Seiner Meinung nach muss in der Bankbilanz dann eine Bilanzposition um 100 € gemindert werden, während das Sichtguthaben des Darlehensnehmers, und damit eine andere Bilanzposition, um 100 € ansteigt. Mit den Geldmengenaggregaten (M1 bis M3) hat sich Werner offensichtlich bisher nicht näher beschäftigt. Auch die „goldene Bankregel“, basierend auf Otto Hübners Regel:
--- Zitat ---„Der Credit, welchen eine Bank geben kann, ohne Gefahr zu laufen, ihre Verbindlichkeiten nicht erfüllen zu können, muß nicht nur im Betrage, sondern auch in der Qualität dem Credite entsprechen, welchen sie genießt.
[…] Die Bank kann, wenn sie auf drei Monate Gelder deponiert erhält, ohne Gefahr dieselben nicht auf sechs Monate ausborgen.“(Seite 28 ff)

--- Ende Zitat ---
scheint ihm nicht bekannt zu sein. Wenn ein Kunde der Bank sein Sichtguthaben längerfristig zur Verfügung stellt, also spart, so kann dieser Betrag von der Bank als neuer Kredit ausgereicht werden, ohne dass dies Einfluss auf die Zahlungsfähigkeit der Bank hätte. Die goldene Bankregel wäre damit eingehalten. Das Kunden-Sparkonto muss also auch bei der Geldvermittlung nicht um den Darlehensbetrag verringert werden.


Weitere Anmerkungen sowie eine Schlussfolgerung werden im nächsten Beitrag eingestellt.

Beste Grüße
Rudi

Mumken:
Die Aussagen von  Prof. Dr. Werner, halte ich nur bedingt für zutreffend. Aus Buchungssätzen auf eine unbegrenzte Geldschöpfungskapazität der Geschäftsbanken zu schließen, ist  eine vorschnelle Entscheidung. Mit einem Buchungssatz betrachte ich nur einen Teil des Bankgeschehens und kann daraus keine allgemeingültige Aussage treffen. Tatsächlich kann eine Bank in einem ersten Schritt jederzeit einen Kredit in X-beliebiger Höhe gewähren, die Prüfung der Bonität des Kreditnehmers vorausgesetzt.

Der zweite Schritt, von Werner nicht beachtet, folgt jedoch unmittelbar, und ist von der kreditgebenden Bank kaum zu beeinflussen. Das eingeräumte Sichtguthaben (Verbindlichkeiten gegenüber  Kunden) verlässt den Bereich der Volks- und Raiffeisenbanken. Eine Refinanzierung wird erforderlich. Bei den VR-Banken kein Problem, da genügend Kundeneinlagen vorhanden sind. Anderenfalls muss jedoch Zentralbankgeld oder aber Liquidität von anderen Banken beschafft werden.

Um wissenschaftlich korrekt vorzugehen müssen jedoch sämtliche, nicht erwähnten Faktoren gleich bleiben, d. h. ein Einlagenüberschuss darf nicht stillschweigend zur Deckung des Kredites verwendet werden. Was würde denn geschehen, wenn keine überschüssigen Kundeneinlagen vorhanden wären? Der Kredit könnte zwar ohne Probleme ausgereicht werden, jedoch würden bei  der Refinanzierung bereits Schwierigkeiten entstehen. Man wäre auf andere Banken bzw. die Zentralbank angewiesen.
Es könnten Liquiditätsprobleme entstehen. Um diese in einem vertretbaren Rahmen zu halten hat das Bundesministerium der Finanzen die Liquiditätsverordnung erlassen. Diese basiert auf der „goldenen Bankregel“, deren Forderungen von Otto Hübner 1854 formuliert wurden.

--- Zitat ---„Der Credit, welchen eine Bank geben kann, ohne Gefahr zu laufen, ihre Verbindlichkeiten nicht erfüllen zu können, muß nicht nur im Betrage, sondern auch in der Qualität dem Credite entsprechen, welchen sie genießt."
--- Ende Zitat ---

Von dieser Maximalforderung wurden etliche Abstriche gemacht. Die verbliebenen Forderungen sind in der Liquiditätsverordnung nachzulesen.

Die Ausführungen Von Prof. Dr. Werner sind als mangelhaft anzusehen, da sie nur einen Teilaspekt des Bankbetriebes zum Thema haben. Wichtige und zwangsläufig auch erforderliche weitere Betrachtungen werden schlicht unterlassen.  Aber wenn schon die Bank of England die Geldschöpfung aus dem Nichts ebenso wie Prof. Dr. Werner beschreibt, befindet er sich immerhin in guter Gesellschaft.
Weiterführende Details zur Liquiditätsverordnung siehe Liquidität

Beste Grüße
Rudi

Mumken:
Noch ein Nachtrag zu Prof. Dr. Werners Schrift: Can banks individually create money out of nothing?

Zwischenzeitlich hat ein Übersetzer sich die Mühe gemacht, Werners Schrift ins Deutsche zu übersetzen.

https://www.kreditopferhilfe.net/geld-aus-dem-nichts

Am zweifelhaften Inhalt seines Werkes ändert sich dadurch jedoch nichts.

Beste Grüße
Rudi

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